Aktuelles 2016

Bericht Annegret Neugebauer

2011 war ich für zwei Wochen zu Gast in Burundi. Das Berufsbildungszentrum Plön, an dem ich unterrichte, führte damals im Rahmen einer Schulpartnerschaft ein gemeinsames Projekt mit dem CFP durch.   Das CFP  (Centre de Formation Professionnelle) wird von der OPDE   (Oeuvre humanitaire pour la Protection et le Développement de l’Enfant en difficulté) betrieben. Die OPDE ist eine Nichtregierungsorganisation. Sie unterhält zahlreiche Einrichtungen, in denen Waisen und Witwen unterstützt und gefördert werden.

Das Schicksal der Kinder und Jugendlichen in diesem Land hat mich bei meinem Besuch besonders berührt und bis heute nicht wieder losgelassen.

Die Kinder sind die schwächsten Glieder in dieser Gesellschaft. Eigentlich müsste ihnen die meiste Fürsorge gelten,  tatsächlich sind sie hier fast schutzlos. Ein Zehntel der burundischen Bevölkerung sind Waisen oder gefährdete Kinder.
Es gibt eine allgemeine Schulpflicht, aber der Staat kümmert sich nicht darum, ob Kinder zur Schule gehen. Oft scheitert der Schulbesuch schon am fehlenden Geld für die Gebühren. Aber vielleicht ist das noch das geringste Problem...
Jedes fünfte Kind erlebt seinen fünften Geburtstag nicht, über ein Viertel der Kinder muss sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen. Es gibt immer noch zahlreiche ehemalige Kindersoldaten, die ohne Familie auf der Straße leben; allein in der Hauptstadt Bujumbura sind an die 5000 Kinder obdachlos. Mehr als zweihunderttausend Kinder und Jugendliche sind Aidswaisen, und viele sind selbst an AIDS erkrankt. Ich könnte noch so viel von den Schicksalen der Kinder erzählen, die ich kennengelernt habe: Von der kleinen Marthe, die unter Windeln versteckt auf einer Müllkippe gefunden wurde. Von  Jules, dessen ganze Familie von Rebellen im Busch umgebracht wurde, den man nach einigen Tagen fand - die Machete, die ihn verletzt hatte, war mit AIDS infiziert. Von Christa-Bella, die nach dem Tod ihrer Mutter von der Familie verstoßen wurde, weil sie an AIDS erkrankt ist. Von Yves, dem in den Wirren des Bürgerkriegs nach einer Reise die Rückkehr nach Burundi verwehrt wurde und der nun in einem Flüchtlingslager in Rwanda zu überleben versucht. Von Rosette, die mir bei meinem Besuch sagte: "Bitte, vergessen Sie die Waisen nicht."

Die OPDE kümmert sich um diese Kinder und Jugendlichen.  Ich  war in ihren Waisenhäusern, konnte mit den Kindern und Jugendlichen sowie den ErzieherInnen sprechen. Auch wenn die OPDE bemüht ist zu helfen, nicht immer reichen die finanziellen Mittel. So war zu dieser Zeit das Mädchenwaisenhaus in einem – für europäische Maßstäbe – desolaten Zustand. Das Dach wies große Löcher aus, diverse Wände waren schwarz vor Schimmel … und das zu Beginn der Regenzeit. Die „Kind ohne Eltern – Walter Breitenstein-Stiftung“  stellte nach meinem Bericht von diesen Eindrücken spontan eine größere Summe zu Verfügung, um die schlimmsten Mängel zu beheben.
Einige Jugendliche haben dann, nach meinem Besuch, mit mir Emailkontakt aufgenommen.  Dadurch erfuhr ich, dass zwei der drei Waisenhäuser wegen Geldmangels geschlossen werden mussten und dass dann ein Teil der betreuten Kinder und Jugendlichen wieder auf der Straße leben würde.
Das war eine dramatische Nachricht, die ich kaum aushalten konnte. Und so habe ich nach Wegen gesucht, wie man helfen könnte.  Ein kleiner Kreis engagierter FreundInnen und Bekannte fördert nun mit meinem Mann und mir gemeinsam die burundischen Waisen. Darüber hinaus sammle ich auf die eine oder andere Weise Geld, in dem ich  bspw. statt eines Honorars für Vorträge um Spenden für die Waisen bitte. So gelingt es seit einigen Jahren, für 22 Kinder und Jugendliche die Schulkosten zu übernehmen. 
Das ist für gemessen an unseren Verhältnisse nicht viel: So ermöglichen etwa 30,- €, einen Grundschulbesuch für ein Kind ein ganzes  Jahr lang, inklusive Material und Schuluniform. Bitter ist es für mich jedes Mal, wenn mich Waisen um zusätzliches Geld bitten (die Schulgebühren steigen rasant infolge der Inflation) und ich ihnen diesen Wunsch  abschlagen muss.

Im Frühjahr 2013 konnten Gérard Wedel-Niyimbonera und Dagmar Weber die Waisen besuchen. Wir hatten in der Schulkantine des CFP zu einem Mittagessen eingeladen. Für jede der Waisen hatte ich einen persönlichen Brief mit einem kleinen Geldgeschenk mit geschickt. Die Kinder und Jugendlichen hatten viele Fragen nach den Menschen im fernen Deutschland, die sich um sie sorgen. Gern wäre ich dabei gewesen.
Diese Kantine wurde im Rahmen der Schulpartnerschaft durch Mittel der „Kind ohne Eltern – Walter Breitenstein-Stiftung“ gebaut. Die SchülerInnen kamen Tag für Tag hungrig zur Schule und hatten – verständlicherweise – auch über den Tag kein Essen dabei. Im CFP hatte man zunächst die Jugendlichen mit einer täglichen Nahrungsration versorgt; diese wurde jedoch nach der Schule verkauft oder mit anderen Bedürftigen geteilt, so dass für die eigentliche Zielgruppe  nicht mehr genug übrig blieb. Es entstand die Idee einer “Schulspeisung“, die durch den Kantinenbau umgesetzt wurde. Heute erhalten hier alle SchülerInnen des CFP täglich eine kostenlose warme Mahlzeit. Darüber hinaus hat sich die Kantine zu einem kleinen Restaurant etabliert, das im Stadtviertel von anderen Schulen, aber auch von Geschäftsleuten gern genutzt wird. So kann die Schule Einnahmen generieren und die Kantine sich selbst tragen.
 
Mit den meisten dieser Waisen habe ich über die OPDE, aber auch privat Kontakt. Sie erzählen von ihren Erlebnissen, von Sorgen und Wünschen - oder wünschen mir auch nur ganz kurz eine gute Nacht "und süße Träume".  Es geht mir nicht allein darum, wirtschaftlich zu helfen. Vielmehr möchte ich eine Brücke nach Burundi schlagen und diese jungen Menschen wissen lassen, dass hier Menschen sind, die an sie denken,  denen ihr Schicksal nicht egal ist und die an sie glauben. Und: In die Bildung eines Landes zu investieren,  heißt, in seine Zukunft zu investieren!


„… in den Fragen Afrikas und der Solidarität mit seinen Menschen wird sich entscheiden, ob wir eine einzige einige Menschheit sind oder zwei oder drei, wird sich entscheiden, ob wir Menschen sind oder nur ein Irrläufer der Evolution."
Andreas Fecke


Ihre Annegret Neugebauer

Spenden, die  speziell für die Waisen verwendet werden sollen,  bitte mit dem Verwendungszweck "Waisen" kennzeichnen.